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Der Bilder-Kompass – Mord in Wedel

November 17, 2016

Häufig berichten wir beim NDR Schleswig-Holstein Magazin über herausragende Leistungen von Menschen, besonderen Projekten und politischen Ereignissen. Leider gibt es auch Tage an denen sich schreckliche Ereignisse überschlagen. Gestern war so ein Tag, ein Mord an Kindern und vermutlich auch der Mutter. Unter enormen Zeitdruck müssen Beiträge erstellt werden – welches Bild kann ich zeigen, welches ist pietätlos, wie formuliere ich? Ein Einblick in den journalitischen Alltag und den verlorenen inneren Kompass.


Es ist der bewegenste Moment. Um 14.36 Uhr schickt der Kollege, der vor dem Haus der Familie steht ein Bild. Es ist ein Brief, der am Eingang des Grundstücks hängt. Vielleicht von einem Nachbarn, vielleicht von einer Bekannten oder vielleicht auch von einer völlig unbekannten Person der Familie. Der Brief hat die Anrede „Liebe Kinder“ und weiter „Ihr wart zu jung, um jetzt schon von uns zu gehen“. Als Vater kommen sofort Bilder der eigenen Kinder in den Kopf und die Frage, wie kann ich einen Beitrag zu diesem Thema schneiden, der gleichermaßen informativ, emotional aber nicht skandalisierend ist? Zumal in einer Stunde der Beitrag in der Nachrichtensendung NDR Aktuell laufen soll. Der Zeitdruck ist also enorm.

Haus in Wedel

Haus in Wedel

Als Journalist beim NDR legen wir alle Wert auf gesicherte Nachrichten und so checken wir die Agenturen, gleichen es mit dem Kollegen vor Ort ab, sichern uns noch einmal bei der Polizei ab. In diesem Prozess,  in dem die Uhr unerbittlich runter tickt, müssen die Cutterin und ich dann noch jedes Bild checken, das wir in den Beitrag schneiden. Es kommen Fragen auf: Schneiden wir  den Leichenwagen rein? Das Erdloch in dem die Frauenleiche, können wir das zeigen? Würden wir die Badewanne zeigen, in dem die Kinder liegen? Ist das vergleichbar? Können wir einem Fernsehzuschauer zumuten sich den emotionalen Brief durchzulesen? Und über allem noch die Frage: Der Vater hat sich wahrscheinlich umgebracht, wie sinnvoll ist es über einen Selbstmord zu berichten, weil es immer Nachahmer ermutigt?

Der erste Bericht lief um 13:45 Uhr, der zweite um 15:45 Uhr, dann 19.30 Uhr, 21.45 Uhr. Im Laufe dieser ununterbrochenen Produktion und dem beruflichen, wie aber auch dem themenbedingten emotionalen Stress, habe ich an manchen Stellen den ‚innern Kompass‘ verloren. Ich war mir nicht mehr immer sicher, was ich schreiben kann, welches Bild ich zeigen will. Was wir Vorort hier im Studio gemacht haben: Jedes Bild diskutieren. Und das im rasendem Tempo. Denn auch wenn es nicht jeder denkt, es gibt extrem unterschiedliche Meinungen. Eine Kollegin sagte, das Erdloch zu zeigen ginge gar nicht. Sie wurde überstimmt. Den Brief, da waren wir uns alle einig, nicht im Fernsehen. Den Leichenwagen: Ja. Aber Nachbarn, die sprechen wir Vorort nicht an. Die bringen uns nicht weiter und skandalisieren.

Sehr anstregend dieser Tag. Vorallem für den Kollegen vor Ort, der natürlich noch viel schwierigere Entscheidungen zu treffen hat. Und dann gibt es eben die aufmerksamen Zuschauern und auch Twitter-Follower, die Zurecht anmerken, dass der ‚Fall Wedel‘ kein Familiendrama ist. Nein. Es ist ein Doppelmord, mindestens. Doch nicht alles läuft rund bei solch einer Produktion. Nicht jede Entscheidung ist richtig.

Heute geht es weiter. Wir rechnen mit den Obduktionsergebnissen der Frauenleiche. Vielleicht beruhigt es sich danach wieder. Es wäre schön, auch wenn es dann wieder lange dauert, bis es einen Doppelmord von Kindern gibt.

Hier unsere Berichterstattung bei NDR Aktuell:

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/ndr_aktuell/Wedel-Frauenleiche-gefunden,ndraktuell34816.html


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Carsten Janz
Journalist, Blogger & Dozent